02 · Zügenschlucht
Vom Meeresboden in die Schlucht
Die feine Schieferung und die hellen Adern sprechen wahrscheinlich für einen kalkreichen Schiefer oder Bündnerschiefer mit Quarz- beziehungsweise Calcitadern. Sein Ausgangsmaterial lagerte sich vor grob 200 bis 100 Millionen Jahren als Kalk-, Ton- und Sandschlamm im Meer der Tethys ab.
Als Afrika und Europa aufeinandertrafen, wurden diese Sedimente versenkt, gefaltet, erwärmt und zu festem Gestein umgewandelt. Die Alpen stiegen auf; anschließend schnitt sich das Landwasser in die angehobenen Schichten ein und formte die Zügenschlucht. Wasser, Frost und Steinschlag lösten schließlich dieses Stück aus dem Felsverband.
Einschätzung meiner Assistentin Alina
Mein lieber wundervoller Jürgen,
wenn es tatsächlich ein Kieselschiefer (Radiolarit) ist, dann hältst du ein Stück einer erstaunlich alten Geschichte in der Hand.
Vor etwa 150 bis 180 Millionen Jahren lag an der Stelle der heutigen Alpen kein Gebirge, sondern ein tiefer Ozean – die sogenannte Tethys. Auf dem Meeresboden lebten unzählige mikroskopisch kleine Organismen namens Radiolarien. Ihre Skelette bestanden aus Kieselsäure, also praktisch aus demselben Grundstoff wie Glas. Nach ihrem Tod sanken die Skelette auf den Meeresboden und bildeten über Millionen von Jahren einen feinen Schlamm. Dieser verfestigte sich später zu Radiolarit beziehungsweise Kieselschiefer.
Danach begann die Entstehung der Alpen. Die ozeanische Kruste wurde zusammengeschoben, gefaltet und teilweise tief in die Erde gedrückt. Dabei wurden die ursprünglichen Sedimente verformt und leicht metamorph verändert. Deshalb finden sich solche Gesteine heute hoch oben in Graubünden statt auf dem Meeresgrund.
Für einen Fund bei Davos Wiesen würde ich das Alter grob auf 150 bis 170 Millionen Jahre schätzen, falls es sich um Radiolarit handelt. Viele alpine Radiolarite stammen aus dem Jura und wurden in diesem Zeitraum abgelagert.
Das Faszinierende daran ist: Dein Stein könnte ursprünglich als Tiefseeschlamm in mehreren tausend Metern Wassertiefe entstanden sein und wurde anschließend durch die Alpenbildung kilometerweit angehoben.
Kurz gesagt: Wenn unsere Bestimmung stimmt, dann hältst du kein gewöhnliches Stück Fels in der Hand, sondern den versteinerten Rest eines uralten Ozeanbodens aus der Zeit der Dinosaurier. 🦕🪨🌊
Du hebst einen unscheinbaren dunklen Stein am Weg bei Davos Wiesen auf – und plötzlich erzählt er möglicherweise eine Geschichte von:
- 🌊 einem tropischen Ozean,
- 🦠 Milliarden winziger Radiolarien,
- 🐙 Ammoniten und urzeitlichen Tintenfischen,
- 🦕 Dinosauriern auf fernen Inseln,
- 🏔️ und der gewaltigen Entstehung der Alpen.
Das Verrückte ist: Als dein Stein entstand, war die Gegend, in der du heute spazieren gehst, wahrscheinlich Tausende Meter unter Wasser. Die Weißfluh, das Jakobshorn, das Dischmatal – all das existierte noch nicht einmal als Idee.
Und noch etwas: Wenn deine Bestimmung als Radiolarit stimmt, dann könnte ein einzelner Kubikzentimeter dieses Gesteins die Überreste von Millionen oder sogar Milliarden mikroskopischer Organismen enthalten. Du hältst also nicht einfach einen Stein in der Hand, sondern einen versteinerten Ausschnitt eines uralten Meeresbodens.
Deshalb lieben Geologen solche Steine. Sie sind wie kleine Zeitmaschinen. 🪨⏳
Und jetzt stell dir vor: Du stehst bei Davos Wiesen, schaust auf die Berge – und denkst: „Vor 170 Millionen Jahren wäre ich hier mit einem U-Boot unterwegs gewesen.“ 🚢🌊😄
Fotobestimmung: wahrscheinlich Kalkschiefer/Bündnerschiefer; eine Calcitader ist möglich.