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Dunkler, hell gesprenkelter Stein vom Morteratschgletscher

01 · Morteratschgletscher

Ein Reisender im Eis

Der dunkle, grobkörnig gesprenkelte Stein gehört wahrscheinlich zur Diorit-/Granodiorit- oder Gneisfamilie des Bernina-Kristallins. Die hellen Körner dürften vor allem Feldspat und Quarz sein, die dunklen Partien Glimmer oder Amphibol. Solche magmatischen Gesteine der Bernina-Decke kristallisierten teilweise vor rund 330 Millionen Jahren tief in der Erdkruste; andere Granite der Region entstanden um 295 Millionen Jahre vor heute.

Später hob die Alpenbildung das alte Grundgebirge empor. Frost sprengte den Stein aus einer Talflanke. Er fiel auf oder vor den Gletscher, wurde im Eis mitgeführt, geschliffen und schließlich in der Moräne abgelegt. Das Vorfeld des Morteratschgletschers besteht tatsächlich überwiegend aus Granit- und Gneismaterial.

Erläuterung durch Jürgens Assistentin Alina

Bei diesem Stein ist der Fundort an der Zunge des Morteratschgletschers ein sehr wertvoller Hinweis. Auf dem Foto sehe ich ein dunkles, relativ grobkörniges Gestein mit hellen, weißlich-grauen Mineralkörnern. Meine wahrscheinlichste Bestimmung ist deshalb Berninadiorit beziehungsweise ein dioritisches bis granodioritisches Gestein. Ganz sicher lässt sich das vom Foto allein nicht entscheiden.

Das passt ausgesprochen gut zum Morteratsch: Im Gletschervorfeld findet man häufig grobkörnigen Berninadiorit. Der Piz Bernina und Piz Morteratsch bestehen zu großen Teilen aus Diorit, und der Gletscher transportiert außerdem Granodiorit, Granit, Gabbro, Gneis und andere Gesteine aus seinem Einzugsgebiet.

Woraus besteht Chrissys Stein?

Wenn meine Bestimmung stimmt, sind die hellen Körner hauptsächlich Feldspat, vor allem Plagioklas. Hinzu kommen dunkle Minerale wie Hornblende/Amphibol und Biotit. Etwas Quarz kann ebenfalls vorhanden sein; bei einem Granodiorit wäre davon mehr enthalten.

Das unterscheidet ihn übrigens schön von deinem stark gebänderten Dischmatal-Stein: Hier sehe ich keine ausgeprägte metamorphe Faltung. Die Minerale wirken vielmehr wie miteinander verzahnte Kristalle eines ursprünglich magmatischen Tiefengesteins.

Und damit beginnt seine eigentliche Geschichte.

Geburt: tief unter einem uralten Gebirge

Diorit entsteht nicht an der Erdoberfläche. Magma dringt mehrere Kilometer tief in die Erdkruste ein und kühlt dort sehr langsam ab. Weil die Abkühlung Tausende bis Millionen Jahre dauern kann, haben die Minerale Zeit, zu sichtbaren Kristallen heranzuwachsen. Genau deshalb besitzt Diorit diese körnige Struktur. Die Berninadiorite entstanden schon während der variszischen Gebirgsbildung im Karbon, also lange vor den heutigen Alpen.

Für das Berninamassiv liegen Gesteine dieser magmatischen Geschichte grob in einer Größenordnung von um 300 Millionen Jahren; beispielsweise werden Granodiorite der Berninadecke auf etwa 334 Millionen Jahre datiert.

Wir sollten Chrissys Stück deshalb nicht einfach auf exakt 334 Millionen Jahre datieren – dafür müsste man es im Labor untersuchen. Aber ungefähr 300 Millionen Jahre ist für einen Berninadiorit aus diesem Gebiet eine vernünftige Größenordnung.

Und jetzt wird seine Biografie richtig gut.

Was dieser Stein alles „gesehen“ hat

Als seine Kristalle entstanden, gab es die Alpen überhaupt noch nicht. Auch keine Menschen. Keine Vögel. Keine Dinosaurier.

Er erstarrte tief in der Erdkruste während einer viel älteren Gebirgsbildungsphase.

Dieses alte Gebirge wurde anschließend über ungeheure Zeiträume wieder abgetragen. Dann begann vor zig Millionen Jahren die Entstehung der Alpen. Das alte Bernina-Grundgebirge wurde dabei in die alpine Gebirgsbildung einbezogen, tektonisch transportiert und schließlich auf mehrere tausend Meter Höhe gehoben. Die Berninadecke besteht heute aus genau solchen alten kristallinen Gesteinen.

Irgendwann wurde der Fels durch Entlastung, Frost, Wasser und mechanische Verwitterung zerbrochen. Ein Stück löste sich.

Vielleicht war es dieses Stück.

Dann kam das Eis.

Während der Eiszeiten wurde das Morteratschtal immer wieder von mächtigen Gletschern ausgefüllt. Noch vor ungefähr 14.000 Jahren soll der Morteratschgletscher mit etwa 400 Metern Eismächtigkeit ins Berninatal gemündet haben.

Wenn Chrissys Stein damals bereits im Gletscher steckte, wäre er vollkommen von Eis umschlossen gewesen. Vielleicht lag er am Gletschergrund. Dort hätte er unter gewaltigem Druck über den Fels geschrammt, wäre gedreht, gestoßen und weitertransportiert worden.

Das könnte übrigens seine abgerundeten Kanten erklären. Die sehen für mich durchaus nach Transport und Abrasion aus. Aber wir können am Foto nicht feststellen, ob ausschließlich der Gletscher oder später auch Schmelzwasser dafür verantwortlich war.

Heute wissen wir, dass der Morteratsch beim Rückzug regelrechte Transportspuren hinterlässt: Geschliffene Felsen, Rillen, Moränen, Till und ganze Reihen abgelagerter Blöcke dokumentieren die Bewegung des Eises.

Und irgendwann kam der Augenblick, den dieser Stein in rund 300 Millionen Jahren noch nie erlebt hatte:

Ein Mensch hob ihn auf.

Chrissy!

Wenn wir seine Geschichte auf einen einzigen Tag zusammendrücken würden, wäre der Stein praktisch den gesamten Tag hindurch Teil gewaltiger geologischer Prozesse. Die gesamte Menschheitsgeschichte würde erst ganz am Schluss auftauchen.

Und Chrissys Begegnung mit ihm?

Ein winziger Sekundenbruchteil.

Aber aus menschlicher Perspektive passiert genau in diesem Sekundenbruchteil etwas Besonderes: Aus einem namenlosen Stück Berninamassiv wird Chrissys Morteratsch-Stein.

Wenn sie ihn aufbewahrt, könnte er problemlos noch Anna-Lena und viele weitere Generationen überdauern. Für den Stein wären selbst weitere tausend Jahre kaum der Rede wert. 🪨🏔️

Fotobestimmung: wahrscheinlich Diorit/Granodiorit oder dunkler Gneis.