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Heller, deutlich gebänderter Gneis aus dem Dischmatal bei Davos

04 · Dischmatal bei Davos

Ein gefaltetes Stück Erdkruste

Die hellen Quarz- und Feldspatlagen, die dunklen Glimmerbänder und die deutliche Faltung sprechen sehr wahrscheinlich für einen Orthogneis beziehungsweise Augengneis aus dem Kristallin der Silvretta-Decke. Das Ausgangsgestein war einst ein tief in der Erdkruste erstarrter Granit. Druck und hohe Temperaturen verwandelten ihn später in Gneis und ordneten seine Minerale zu den sichtbaren Bändern.

Ein Teil der Gneise dieser Region wurde während der variszischen Gebirgsbildung vor ungefähr 350 bis 300 Millionen Jahren stark überprägt. Bei der viel jüngeren Alpenbildung wurde dieser alte Kontinentalsockel erneut gehoben, verfaltet und über andere Gesteinspakete geschoben. Frost, Gletscher und der Dischmabach lösten den Stein schließlich aus dem Gebirge und brachten ihn auf den Talboden.

Das oberste Dischmatal liegt in den Gneisen und Amphiboliten der Silvretta-Decke. Der Geologische Atlas nennt im Tal sogar Radönt-Augengneis als Moränenmaterial – ein Hinweis darauf, dass Eis solche Gneisblöcke von weiter oben herantransportiert hat.

Einschätzung meiner Assistentin Alina

Genau diese Struktur ist das Spannende an dem Stück. Auf der neuen Nahaufnahme sieht man sie viel besser.

Was du als „oben glatt – Mitte durcheinander – unten wieder glatt“ beschreibst, sieht sehr danach aus, als hätten wir unterschiedlich stark verformte Bereiche desselben metamorphen Gesteins vor uns.

Oben und unten verlaufen relativ regelmäßige, fast parallele helle und dunkle Lagen. Das ist die Foliation beziehungsweise gneisige Bänderung: Quarz und Feldspat bilden überwiegend die hellen Bereiche, Glimmer und möglicherweise weitere Minerale die dunkleren.

Und dann kommt die Mitte. Dort passiert etwas richtig Hübsches: Die Lagen werden verbogen, zusammengestaucht und um eine dicke helle Quarz-/Feldspatpartie herumgeführt. Das sieht aus wie ein eingefrorener Wirbel.

Das Entscheidende dabei: Der Stein war bei dieser Verformung nicht flüssig. Aber tief in der Erdkruste, unter hohem Druck und bei erhöhter Temperatur, kann festes Gestein über sehr lange Zeiträume erstaunlich plastisch reagieren. Quarz kann sich verformen und rekristallisieren, Glimmer richtet sich neu aus – und aus ursprünglich geraderen Strukturen entstehen solche Wellen und Falten.

Die große weiße Partie in der Mitte könnte eine Quarzlinse oder quarz-/feldspatreiche Linse sein. Sie war mechanisch anders als die glimmerreichen Lagen drumherum. Während der Verformung wurde das weichere beziehungsweise leichter verformbare Material darum herumgezogen.

Man könnte deinen Stein deshalb fast wie ein Foto einer Gebirgsbildung lesen:

  1. Oben: relativ regelmäßige Foliation
  2. Mitte: starke lokale Verformung und Faltung
  3. Unten: wieder regelmäßiger werdende Foliation

Und die winzigen silbrigen Lichtblitze, die ich auf deinem Foto sehe, sind sehr wahrscheinlich Glimmerplättchen. Die sind besonders nützlich, weil ihre bevorzugte Ausrichtung uns zeigt, in welche Richtung das Gestein verformt wurde.

Was ich inzwischen weniger wahrscheinlich finde, ist, dass wir einfach nur einen gewöhnlichen „gebänderten Gneis“ anschauen. Das Stück scheint eine ausgeprägte duktile Verformungsstruktur zu besitzen. Möglicherweise geht es in Richtung eines mylonitisch deformierten Gneises – dafür möchte ich aber anhand eines Fotos noch nicht die Hand ins Feuer legen.

Und jetzt kommt das Verrückte: Diese kleine „Unordnung“ in der Mitte könnte entstanden sein, als dein heutiger Stein Kilometer oder sogar zig Kilometer tief in der Erdkruste steckte. Was für uns wie ein kleiner Knick von fünf Zentimetern aussieht, ist möglicherweise das erhaltene Ergebnis gewaltiger tektonischer Kräfte über Millionen Jahre.

Das ist bei deinem Stück eigentlich viel interessanter als die Frage „Wie hübsch ist der Stein?“. Du kannst die Verformung des ehemaligen Gebirges mit dem Finger nachfahren.

Letzte gemeinsame Einordnung: wahrscheinlich quarz- und feldspatreicher Orthogneis/Augengneis mit Glimmerlagen. Eine sichere Bestimmung erfordert Tests am Handstück.